25.01.2012

Mit Kampfanzug und Sandproben aus Afghanistan
 
     
  Er kam nicht nur in Ausgehuniform, er demonstrierte auch das, was man in der Bundeswehr unter dem Begriff „Maskenball“ kennt: Schnelles Umziehen in kürzester Zeit.
 
Oberst Ralf Kneflowski also auch im Kampfdress mit Kopftuch und verhülltem Gesicht, und danach im grün-blauen Umhang aus Afghanistan. Afghanistan – das war das Thema des ranghohen Offiziers im Gasthaus Schumacher. Terminprobleme wegen war der Vortrag vom 19. auf den 25. März verschoben worden, was dem Abend überhaupt keinen Abbruch tat: Das Interesse an dem geradezu hautnah vorgetragenen Bericht aus Zentralasien war sehr groß.
 
Kneflowski, Kommandeur des Landeskommandos Nordrhein-Westfalen, hat aus seiner Dienstzeit als Kommandeur am Hindukusch Sandproben mitgebracht, ein Zertifikat, das ausgebildeten afghanischen Polizisten verliehen wird, Visitenkarten, eine militärische Landkarte, und vor allem viele und sehr ausdrucksstarke Fotos. Ländliche Idylle und Kampfhubschrauber. Traumhafte Landschaften und verstümmelte Kriegsopfer. Heftige Gegensätze also, die der in Bockelskamp lebende Offizier mit vielen Hintergrundinformationen näher erläuterte.
 
An dem internationalen Einsatz – an dem weit mehr Länder beteiligt seien, als die Tagesschau melde – hat Kneflowski keinen Zweifel. Wohl aber in den ersten sechs Jahren, in denen sehr viel versäumt und vor allem allerlei falsch gemacht worden sei. Nun setzt die internationale Gemeinschaft mehr auf Partnerschaft. Kneflowski hält es z. B. für fatal, dass die Mullahs lange nicht eingebunden wurden, die geistliche wie geistige Elite des Landes – vergleichbar mit dem Klerus des europäischen Mittelalters. „Den Afghanen“ gebe es im übrigen nicht, sondern diverse Völker und ethnische Probleme. Es gebe eigentlich auch keinen Zentralstaat, sondern unterschiedliche Stämme und vor allem die Familie. Für sie macht der Afghane alles, für ihn geht er sogar von der Fahne! Deshalb gilt es bisher nicht als Fahnenflucht, wenn ein Soldat bis zu sechs Wochen einfach weg bleibt, weil er in seinem Dorf etwa zur Ernte aushelfen muss. Eine Zeitspanne, die man aber gern auf zwei Wochen reduzieren würde.
 
Blutrache, Unterdrückung der Frauen, geringe Lebenserwartung, doppelte Sexualmoral, Kneflowski hatte zu diversen Themen vieles mitzuteilen. Es gebe noch viel zu tun, meint der Bockelskämper, der auf den einen oder anderen Politiker nicht sonderlich gut zu sprechen ist, weil die sich – trotz werbewirksamer TV-Auftritte in Afghanistan – nicht an den echten Brennpunkten sehen ließen. Und weil die Abzugsfrage nicht richtig beschrieben werde: Die Kampftruppen würden demnächst zwar reduziert, bestimmte Kommandostellen („Aufbaukräfte“) blieben aber noch länger. Ein sofortiger Abzug aus Afghanistan würde ethnische Säuberungen bedeuten, Bürgerkrieg und Terror durch die Taliban.
 
Der Abend endete mit einer längeren Diskussion.

 

 

 
 
sff